Es ist nicht so, dass ich Menschen hasse. Wirklich nicht. Es gibt sehr viele Menschen, welche ich sehr wertschätze, deren Anwesenheit ich begrüße und deren Handschlag ich nicht  mit einer Ohrfeige erwidere. Ich habe jahrelang bestehende Freundschaften und verstehe sie als eine Bereicherung für mein Leben. Menschen sind so komplexe Geschöpfe, dass man nicht anders kann, als sie zu bewundern. Komplexe Kunstwerke, beeindruckende Erfindungen und Emotionen, in einer einmaligen Vielfalt, können nur in dieser Pracht beim Menschen beobachtet werden. Und generell kann man auch nicht einfach so sagen, dass man ein solch riesigen Haufen wie „die Menschheit“ einfach hasst. Man kann durchaus einige, unangenehme Individuen hassen. So wie den dauernd besoffenen Schlägertypen aus dem dritten Obergeschoss mit einem unerklärlichen Hang zu lauter Gabbamusik zu Schlafenszeiten. Oder wie die zu gemüllte Menschenhaut, die ihren Köter regelmäßig vor fremde Haustüren kacken lässt. Individueller Hass mag kein feiner Zug sein, ist aber vollkommen nachvollziehbar.

Jedoch, ich hasse Menschen.

Ich kann mich daran erinnern, dass das nicht immer so wahr. Als Kind und auch als Jugendlicher konnten mir Menschenaufläufe nicht groß, laut und rüpelhaft genug sein. Wilde Action, ich mittendrin, keine Hemmungen, keine Kontaktängste, keine Scheu fremde Körpersäfte oder schwingende Kopfbehaarungen abzubekommen.

Mit zunehmendem Alter wuchs dann auch die Abneigung gegen Menschen, welche ich nicht zu meinem engeren Bekanntenkreis zählen würde. Meine Abneigung gegen voluminöse Menschen, deren Leiber sich gegen meinen Körper pressen, wenn sie sich in der Bahn neben einen setzen. Gegen Menschen, die überall auf diesem Planeten Lebensmittel konsumieren, in jedem kleinen, noch so stickigen Bus Döner „mit alles und Zwiebeln“ in sich rein drücken oder nach Apfelsaftschorle stinken. Gegen Menschen, die ihren Speichel vor meine Füße rotzen und besonders stolz auf gelbe Exemplare sind. Gegen Menschen, die schreien, kreischen, gröhlen, ins Handy krakelen oder unanständig laut und ordinär lachen. Wenn man ein voreiliges Resümee ziehen möchte, wirke ich wie ein öder Spießer. Aber ich möchte hinzufügen, dass alle diese beschriebenen Situationen mich nur in der Öffentlichkeit ankotzen. Soll jeder beim Dönermann seines Vertrauens oder in den eigenen vier Wänden so viel Knoblauchsoße konsumieren wie er möchte oder in erotischen Situationen über Zimmerlautstärke unanständige Worte schreien. Auch sind in einem Moshpit Kontakte mit verschwitzen Körpern durchaus an der Tagesordnung, aber kann man sich denn nicht, verdammte scheiße, in der Öffentlichkeit ein wenig benehmen? Fehlt nur noch, dass man sich gegenseitig auf den Schoß menstruiert oder mit Fäkalien wirft.

Sicherlich, sicherlich, ich verallgemeinere. „Sind doch gar nicht alle Menschen so!“. Ich entgegne: doch, fast alle. Dazu kommen die Faktoren Ort, Zeit und Menschenmenge. Je größer die Stadt, je mehr Menschen, je später die Stunde, desto katastrophaler die soziale Lage.

Geht man die Sache weniger polemisch und etwas reflektierter an, so schließt man natürlich von unangenehmen Personengruppen auf die gesamte Menschheit. Aber es fällt so verdammt schwer, irgendwann noch zu unterscheiden. Ein Samstagnachmittag in der Stadt zum „gemütlichen Einkaufsbummel“ entwickelt sich zum Spießrutenlauf und die alltägliche Pendelfahrt von der Arbeit nach Hause zur Nase gerümpften Zwangsveranstaltung.

Der einzig beruhigende Punkt an all dem Elend ist, dass all die anderen Menschen von meiner Präsenz mindestens genau so genervt sein werden. Von dem arroganten Gegucke, von der riesigen Laptoptasche, die an alle Schienbeine aneckt, vom stinkenden Kaugummi. Ausgleichende Gerechtigkeit.

Der mediale Eremit

Mai 22, 2011

Samstag, 11:32 Uhr

Ich bin gerade eben aufgewacht und mein erster Gedanke klebte, über meine Hand ausgeführt, am Smartphone. Mal gucken was die Welt so zu erzählen hat. In meinem Fall ist die Welt irgendetwas aus Twitter, Facebook, soup, ebay,  rss, diversen Foren und natürlich Emails. Aber irgendetwas lässt mich hadern, irgendetwas lässt meine Hand verharren. Nein, ich werde erst einmal aufstehen und einen Blick aus dem Fenster in die “echte” Welt werfen. Dann: Optische Sozialisierung mit Wasser, Bürste und Make-Up und Gutenmorgendrink Coke zero von gestern. Konsequenterweise lasse ich das Handy liegen und nehme es nicht mit ins Bad um mich bei der Morgentoilette mit Webradio bequatschen zu lassen oder um den letzten Domian-Podcast zu ziehen.

Es ist so ruhig. Merke, dass auch der Fernseher aus ist. Mit der Zeit ist er zu einem Nebengeräusch verkommen, welches das Internet untermalt. Das Internet bleibt aber aus, und demnach hatte ich noch keine Veranlassung den Fernseher an zu machen. Doch, schauen wir mal rein. Nein, doch wieder aus, Samstag Nachmittag und Privatfernsehen verhalten sich zu mir ähnlich wie Chlorophorm und ein ein Vollrausch. Es macht müde, töte zu viele Gehirnzellen und danach fühlt man sich schlecht und will es nie wieder tun.

Ich schalte das Radio ein. Das mit der Antenne und dem manuellen Sendersuchen und Rauschen. Und ich schalte es wieder aus. Irgendwann hatte ich mal, ganz zu recht herausgefunden, dass Radio mich vor 23 Uhr fürchterbar annervt. Wer hat den Moderatoren gesagt sie sollen so dermaßen über motiviert hip daherreden als säßen sie gerade in einem ultra coolen Szenecafe und würde mir einen vom musikalischen Szene-pferd erzählen wollen? Redeten sie zumindest über Musik, das hielte ich ja noch für legitim, nein, sie reden meist über umher kullernde Konservendosen auf der Autobahn, über das Wetter, mein Gott, das Wetter oder lesen Witze ab und untermalen diesen mit Jingeln. Radiojingel infiltrieren das Gehirn noch schlimmer als TV Spots. Sie beschränken sich komplett auf die Audio-Penetration, wie Heroin, einmal gehört, immer im Ohr. Ich frage mich, wie machen die das, dass ich nach einmal hören für mein Leben lang ein und dieselbe Melodie mit einem deutschen Markenmüsli in Verbindung bringe? Wieso werde ich noch in dreißig Jahren den Carglass-Mann imitieren können? Fragen, denen ich jetzt nicht weiter nachgehen werden. Radio aus.

Letztendlich kann es viele Situationen geben welche einem verbieten das Internet zu benutzen. Ich habe auch noch nie von dem Fall gehört, dass jemand dabei um kam, weil er eine Woche das Internet nicht nutzen konnte. Angeblich gab es ja auch mal eine Zeit “ganz ohne”. Aber die Generation die sich daran zu erinnern vermag stirbt nach und nach aus und immer sicherer werde ich mir, dass es sich dabei nur um ein Gerücht handeln kann. Wie sollte man sich sonst gesagt haben, dass man gerade noch an der H&M Kasse steht und erst zehn Minuten später zu Starbucks kommt? Ich bin mir sicher, ohne Internet wären doch damals alle zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört und wir niemals gezeugt worden!

Ich erwische mich dabei, wie ich versucht bin die Playstation anzuschalten nur um mal eben was zu spielen. Das Spiel verweigert seinen Dienst, zuerst will ein Update geladen werden. Ich bin geneigt das Pad aus dem offenen Fenster zu werfen. Ich könnte ein Gameboyspiel spielen, nur welches? Ich sollte ein Buch lesen, nix da, alles leer gelesen. Einen Film gucken, keine Idee welchen. Zuviel Baden macht die Haut kaputt, zuviel Essen den Kühlschrank leer und Bauchweh, zuviel Nörgeln schlechte Laune, ich bin frustriert.

Ich sitze in meinem Lesestuhl. Schon eine ganze Weile und lausche dem Rauschen des Baumes vor dem Fenster. Ich erwische mich wie ich hypnotische mit dem Sessel vor und zurück wippe. Ich weiß nicht wie lange ich hier schon sitze. Und sitzen werde. Dann und wann durchzuckt mich ein Hauch von Motivation los zu lassen und nicht darüber nachzudenken was gerade im Internet passiert. Mein Leben zu leben, nicht fremdgesteuert von einer höheren Netzmacht.

Hört das Leben da draußen eigentlich auf, wenn das Internet aus ist? Ich meine, wenn jemand einen Tweet absendet und keiner ist da um ihn zu lesen, existiert dieser Tweet wirklich?

Ich fühle mich so unwahrscheinlich leer und auf der anderen Seite so wahnsinnig vollgestopft mit Input  den es loszuwerden gilt. Noch niemand hat erfahren wie es mir geht seit meiner Internetfreien Zeit. Was ich gegessen habe, was ich gerade denke, warum mich die Tauben auf dem Nachbardach nerven, welche ebay-Auktionen ich gerade beobachte, ohmeingottdieebayauktionen, spontan breche ich in Tränen aus. Ich werde mir meiner bewusst und merke, ich bin allein, ganz allein. Und, ich werde dieses unverschämt günstige Paar Schuhe niemals ersteigern.

Irgendwann erreicht man diesen Punkt. Nachdem man die Angst überwunden hat, sich losgelöst hat von irdischen Zwängen die einen an elektronische Geräte fesselten, dann fühlt man sich ganz leicht und mit einem Hang zur Theatralik, vielleicht sogar wie neu geboren. Die Versuche rückfällig zu werden, werden immer kürzer und auch das Zittern habe ich mittlerweile im Griff. Zwischenzeitlich habe ich auch die Frequenz des Deutschland-Radios gefunden und lerne in kleinen Portionen das Radio zu konsumieren.

Ein Geräusch reisst mich aus Lotussitz und instinktiv greife ich zum Handy, entsperre es mit einer angeborenen Leichtigkeit und erwische mich dabei wie ich soeben auf eine Facebook-Pushbenachrichtigung reagiert habe. “Montag Büro? Sind noch Instantnudeln da?”. Sind noch Instantnudeln da? Wie in Trance antworte ich und meine Finger fliegen über die Tastatur. Das Fleisch ist stärker, es hat mich überwunden. Mein Willen gebrochen, meine Gier befriedigt und mein Geist betrübt. So sitze ich jetzt da und lasse die letzte Zeit an mir vorbei ziehen. Ich dachte wirklich ich sei ein anderer Mensch geworden… Vielleicht sollte ich einfach etwas für das Mittagessen kaufen. Es ist schon kurz nach 12.

Früh übt sich

März 9, 2011

Ich weiß nicht mehr genau welche Situation oder welche Person mir vor einigen Tagen ein ganz bestimmtes Kindheitserlebnis in Erinnerung rief.

Ich war schon als Kind unheimlich fasziniert von Computerspielen und besaß damals zwar nicht direkt den ersten Game Boy der auf dem Markt war, durfte aber immer bei meinem Cousin Probe spielen und als ich dann Weihnachten meinen ersten knallgelben Gameboy Pocket in Händen hielt, war das für mich das Allergrößte. Was mir früher ziemlich wurscht war, mir aber heute auffällt, ist, dass ich bevorzugt Ninendoprodukte durchgezockt habe und ganz besonders an der Zelda Reihe hing und bis heute hänge. Das Ereignis, welches mich unlängst zum Schmunzeln brachte, siedelt sich so auch im Zelda Universum an, genauer in dem Gameboy Klassiker The Legend of Zelda – Links Awakening. Irgendein ganz ausgefuchster Mensch erzählte mir, dass man ja nun wirklich nich tmühevoll auf Rubinensuche gehen müsse um sich teure Items leisten zu können. Man müsse da nur einen ganz bestimmten Trick kennen und könne den Ladenbesitzer um einen beispielsweis imens teuren Bogen, bestehlen. Und man mag es mir glauben oder nicht, so ganz geheuer war mir das nicht. Sieh mal einer schau, war ich schon als 10 Jährige (oder so) moralbewusst. Aber der Reiz war da und so schlenderte Link eines rubinarmen Tages in den Shop, schnappte sich drei Herzen (DREI HERZEN, Hallo??? Warum nichts… ach, lassen wir das) und rannte einige Sekunden im Kreis um den Verkäufer, bis diesem wahrscheinlich schwindelig wurde und Link konnte einfach aus dem Laden spazieren.

Das war ja gar nicht so schwer. Also noch einmal. Rein in den Laden und… Und was jetzt passiert hat mich den Gameboy gefühlte Wochen (wahrscheinlich waren es nur einige Tage) nicht mehr anrühren lassen. Man läuft also dann in diesen Laden und der Shopbesitzer steht nicht mehr wie gewohnt hinter seinem Tresen, sondern steht dir direkt gegenüber und nach einer kurzen Predigt murkst dieser dich mit einem FURCHTBAREN Laserstrahl einfach ab. Man ist tot. Meine Fresse hatte ich einen Schock. Vor Sekunden war ich noch stolz so einen verdammt coolen Trick “entdeckt” zu haben und dann auf einmal tut sich ein schreckliches Szenario auf und dieser alte fiese Sack brutzelt einen nieder. Ich habe sogar davon geträumt und ernsthaft hat mir dieser Moment das Spiel etwas versaut. Wie sich nachher noch rausstellen sollte, nennt einen jeder Dorfbwohner von da an nur noch “Dieb”. Also wenn Nintendo so ein wenig Moral unter das Volk bringen wollte, haben sie es damit wirklich geschafft.

Anbei das Video zu meiner Stigmatisierung.

Ohne auch nur den geringsten Anspruch darauf ein besonders neues Thema zu servieren oder irgendwie innovativ daher zu kamellen, möchte ich hier dennoch mal ganz sprichwörtlich frisch von der Leber reden, meinen ebenso metaphorisch zu verstehenden Senf ablassen. Warum diese öden Litaneien über sprichwörtliches und diese befremdliche Umgang mit Sinnbildern? Damit es halt verstanden wird, vermalledeit! Da liegt doch der schriftliche Hund begraben, da ist das Tintenkind in den Brunnen gefallen und es finden sich sicherlich viele weitere schöne Szenarien die meiner Wut Ausdruck verleihen könnten. Irgendwie ist so mancher übertragene Sinn verloren gegangen und fristet jetzt ein einsames Dasein. Ich sehe es vor meinem geistigen Auge. Das Verrücktsein sitzt mit dem Selbstbewusstsein und dem Gesamtpaket rauchend in einer feuchten Einzimmerwohnung und zieht den Gürtel enger um den Oberarm. „Scheiße,  weißt du noch, damals?“ aus vereiterten Augen blinzend setzt Verrücktsein die Spritze an „ich hatte einen Job, eine feste Aufgabe im Leben und jetzt?“. Die beiden Zimmergenossen nicken seufzend und nippen an Flaschen. „Jeder Idiot meint jetzt irgendwie verrückt sein zu müssen! Wissen die überhaupt was das bedeutet?“

Nein schätzungsweise gar nicht. Betitelte Verrückt-sein noch vor gar nicht all zu langer Zeit Menschen, denen man am nachmittäglichen Kaffeetisch kein Spritzgebäck anbieten möchte, so gehört es heute zum guten Ton eines jeden Teenies und in der Midlife-Crisis hängenden Mutter mit modischer Kurzhaarfrisur, möglichst verrückt und durchgeknallt zu sein. Crazy shit! Ich erinnere mich noch gut an den archetypischen verrückten Professor, welcher in so manchem Horrofilm Augen rollend und Hände fuchtelnd, mit Starkstrom bastelnd, Monster erschuf. Gerne darf auch dem verrückten Serienkiller beim Kehlenritzen mal verrückterweise etwas Speichel aus dem Mund blubbern. Und auch dem Verschwörungstheoretiker, welcher der festen Ansicht ist, dass die letzte Grippeimpfung von Aliennazis eingepflanzt wurde um ihn posthum in die Schluchten der Alpen zu verfrachten, ja, auch dem kann man Verrücktheit attestieren. Klingt alles irre strange. Aber die Mutter, welche sich die pubertären Twilight-Schauspieler in Ketchupform auf den Leberkäse malt,  und dies hysterisch im Privatfernsehen breit tritt, ist nicht verrückt. Ich will ja gar nicht behaupten ein adäquates Wort für diese Peinlichkeit zu kennen, aber diesen Coolnessfaktor, welchen „verrückt“ jetzt mit sich bringt, möchte ich dieser Peinlichkeit nicht zusprechen.

Und komme mir hier bitte niemand mit philosophischen Grundsatzdiskussionen aus dem zweiten Semester, ich kann nicht sagen was schon normal ist und wann man von Otto-Normalwurst „ver-rückt“ ist, aber geschmacklose Fokuhilas, neonfarbene Plastiknägel und andere experimentelle Auswüchse im Kleidungs- und Musikstil sind wahrscheinlich Otto-normal-wurstiger als es Otto recht ist. Auch hysterisches Kreischen und pornographische Tanzeinlagen auf Tanzflächen bekannter Resteverwertungsdiscos sind nicht verrückt, sondern im höchsten Maße unmenschlich und degradierend. Das Schöne am neuen Lebensstil der Peinlichkeiten ist, dass er sich ja durch sich selber rechtfertigt. Geh doch mal auf eines dieser neuen Castingpüppchen zu und versuche sie auf ihre äußerst prekäre Situation hinzuweisen, dass sie sich soeben öffentlich als Kompletthirnamputiert erwiesen hat und zeige ihr das erste animierte Meme, das von ihrem gigantischen Leo-Leeggins-Arsch im Internet kursiert. Sie wird dir sagen „So bin ich halt, ich bin eben voll crazy und verrückt und lasse mir von niemandem sagen wie ich sein sollen tun soll!“. Ich habe mich soeben so verhalten, weil ich so bin. Unterschätze ich diese Aussage? Ich bin, also bin ich. Das Abwärtspiralen-perpetuum-mobile.

Besonders gut wirds, wenn der lebensbejahende Lebensstil mit Selbstbewusstsein gerechtfertigt wird. Janette soll doch bitte etwas „aus sich rauskommen“, ja etwas „selbstbewusster“ werden, rät ihr die sich selbst komplett fehl-einschätzende TV-Jury. „Sonst wirds nix mit der Megakariere im Biz!“. Dabei scheint Janette die einzige zu sein, die sich ihrer selbst vollkommen bewusst ist. Sie hampelt eben nicht mit zwei Streifen Tape auf den Nippeln durchs Junglecamp und knabbert Tiergenitalien oder versucht ein Mittel gegen Aidskrebsglasknochen auf den Markt zu bringen. Sie singt halt nett und dachte sie kommt damit durch. Sie versteht ihre Rolle als 17 jähriger Teenie ganz gut, und schätzt sich und ihre Talente realistisch ein. Exzentrisches durch die Gegend springen und Schreien (die Ausgeburt des Selbstbewusstseins, wie mir scheint) liegt ihr nicht, war bis dato auch kein Indikator für eine gute Kinderstube und auf einmal gehört das also zum immer wieder angepriesenen, ichkotzimstrahlwennichesnochmalhöre, Gesamtpaket.

Sicherlich verstehe ich den Drang nach Individualismus und ich denke, es solle der den ersten Stein schmeißen, der noch nie mit dem Gedanken spielte, jung und verdorben, nach vielen Geschlechtsverkehrpartner diverser Geschlechter und mit verkokster Birne, als Rockstar zu sterben. Aber der inflationäre Gebrauch von Worten, über welche keiner der Brabbelnden jemals in ihrem zweidimensionalen Leben nachgedacht hat, ist wirklich, wirklich anstrengend. Warum ich mich darüber aufrege? Warum den Sprachnazi spielen und unbefangenen Frohnaturen mit Genörgel auf den Sack gehen?? So bin ich halt.

 

Ich glaube, etwas, dass den Menschen am Rennen hält ist die Suche nach dem Ziel und dem Sinn, aber letztendlich, und sind wir mal ehrlich und lassen die Kirche im Dorf, ist es doch mehr die eine Aufgabe die wir suchen. Hätten wir den Sinn gefunden, würden wir es ja eh nicht merken, und über ihn hinwegtrampeln in der Hoffnung irgendwas more funky und irrwitziges zu finden. Irgendwas mit Leuchten drumherum und Glitzer, und “Aaaahhhhh” und “Ooohhhh” muss man denn machen wenn man erkennt: Das ist es also. Aber ich glaube ja, das ist eh ganz anders mit dem durchs Leben schlawenzeln und Zenrätsel lösen.

Ich kenne da wen, die hat ihr persönliches Zenrätsel wohl schon gelöst und irgendwie ist das echt bewundernswert. Ziemlich regelmäßig gegen Mittag, wenn ich zur Arbeit fahre, denn, dass das Aufstehen direkt nach dem Hahnenschrei nicht zu meinem persönlichen Sinn gehört war mir schon früh klar, steige ich an ein und er derselben Haltestelle aus und nie riecht es da anders als nach verkrustetem Mensch, frühmorgenlichen Bierrülps und halb verdautem Essen. Und es stehen jeden Tag dieselben Personen am Bierbüdchen von diesem schrulligen Mann, der immer so guckt, so als würde er hoffen, dass ich doch endlich mal was kaufe aus seinem Jahre altem Sortiment, damit er endlich mal mit jemanden reden kann, der nicht nach Jägermeister und Pisse stinkt. Manchmal, wenn ich sonnigen Gemütes und schweren Geldbeutels bin, dann wippe ich auch freudigen Schrittes zu ihm herüber und kaufe ein Päckchen Kaugummi, eine Fernsehzeitung und genau einmal auch ein Croissant. Er ist dann auch immer sehr freundlich und wenn ich eine längere Zeit nicht da war, dann sagt er sowas wie “Diesmal sind sie aber später dran als sonst”.

Und dort neben diesem Kiosk da vegetiert diese Gruppe vor sich hin. Sie sind immer da, und so ist auch sie immer da. Nennen wir sie, aus Ermangelung an Namenskentnis, Jennifer. Jennifers Haut ist ungefähr 50, aber die bewegliche Masse dadrunter vielleicht ein wenig jünger. Das ist schwer zu sagen, weil Jennifer entweder unheimlich viel Geld hat Urlaub in sonnigen Ländern zu machen, dann verstehe ich auch, dass nicht mehr viel für teureres Bier übrig ist, oder Jennifer pflegt unter dem Solarium einzuschlafen. Würde ich auch verstehen, ist sicherlich wärmer als da unten an der Ubahn. Vielleicht ist sie also irgendwas zwischen 30 und 60, trägt blondes Gezottel auf dem Kopf und versucht krampfhaft ihre Kleidung dem Stil, der frühen Puffmütter aus den 90ern anzupassen. Zumindest stelle ich mir das so vor. Billige Lederimitatimitatstiefel mit Schlangenoptik, Tubetop, welches unvorteilhaft ihre teigige Figur und den ins Fleisch schneidenden BH umspannt, Jeansrock, diverser Goldschmuck, bevorzugt irgendwelche Ringe an irgendwelchen Ketten und diesen blaupudrig umschminkten Schlafzimmerblick. Der Körper immer leicht im Hohlkreuz und ein Bein im Ausfallschritt nach vorne. Diese Haltung lässt einen auch einen Sturz mit 3 Promille überleben.

Immer wieder sehe ich, wie sie eine gewisse Mutter- bis Herrscherinnenrolle in der Runde ausübt. Die meist männlichen Untergebenen sind äußerst angetan und scharen sich regelmäßig um sie, es scheint als habe das gemeinsam aus einer Dose saufen schon flirtcharakter und wenn sie, wie meist, die Stimme hebt um lallend ihren Senf zu irgendeiner Wurst dabei zu steuern, schweigt man oder stimmt eifrig nickend zu und hofft in ihrer Gunst um die Länge eines halben Kippenstummels gestiegen zu sein. Wer neu in die Gruppe kommt, wird beäugt. Das kleine blasse Rattenmädchen hats nicht lange gemacht, ihr Macker mit den hässlichen Drachentribels auf der Hose nur unwesentlich länger.  Der Kioskvorplatz ist nunmal nicht groß genug für jeden dahergelaufenen Penner, da könnte ja jeder kommen und meinen er habe ein Anrecht auf einen trockenen Platz wo es nicht in den Korn reinschneit. Auch der sich schon fast auflösende alte Mann mit dem faulenden Bein bekam keinen Krüppelbonus, er fährt jetzt wieder Straßenbahn und muss hoffen, nicht vor Jennifers Füßen rausgeschmissen zu werden. Hartes Pflaster, Jennifers Platz.

Ist Jennifers Leben jetzt das, was crazy partypeople, als erstrebenswert  ansehen? Ist es das, was sich ein BWL Student nach drei Jahren Bachelor Arschkriechen erhofft oder die Alternative für Britney Schmidt, wenns mit dem Superstarträllern nix wurde? Eher nicht. Aber ich bin mir sicher, dass Jennifer ziemlich zufrieden ist mit der kleinen Hirarchie deren Poleposition sie einnimmt. Zum Wasserlassen gibst ne Wohnung nebenan, und irgndwie guckt sie beim durch die Gegend taumeln so, wie ich mir vorstelle, wie ich mit dreizehn aus der Wäsche schaute, als ich besoffen von der ersten Party kam. Und sofern ich mich richtig erinnere, hatte ich da keinerlei Sorgen wie Altersvorsorge, nässende offene Füße oder woher ich das nächste Dosengulasch bekomme.Irgendwie scheint mir so, als würde sie das, was sie da jeden Tag tut, jeden Tag wieder tun wollen. Diese Beschränkung auf eine handvoll Interessen wie promillesteigernde Getränke, sinneserweiternde Stoffe und sich jeden und wirklich jeden Tag dieselbe olle Story wieder erzählen, weil man schon wieder vergessen hat, dass man jedem aus dem Kreis seine gesamte Lebensgeschichte schon zig mal erzählt hat, naja, diese wenigen Ansprüche reduzieren eben eben die Komplikationen im Leben. Letztendlich so ein bisschen wie der einsame Eremit in den Bergen. Was schert den schon, wenn hier eine Spargelsteuer erhoben wird, oder irgendein Starfrisör im TV vor irgendeinem Bluescreen über die witzogsten 80er Jahre Songs siniert. Das schert Jennifer auch nicht.

So haben beide ihren kleinen Kosmos gefunden und somit vielleicht auch ihr privates eigenes Zenrätsel gelöst. Wenn ich mir das so recht überlege, recht beneidenswert.

Ich stellte heute mit Erschrecken fest, dass ich binnen Sekunden zu dem Schlag Mensch mutierte, den ich ansonsten schallend, und absolut zu recht, auslache. Aber beginnen wir von vorne.
Ich schlenderte über die Schildergasse, frohen Mutes zwei Kleider zurückzugeben in denen ich ähnlich wirke, wie gigantisch dicke Frauen mit modischer, meist rot oder lila besträhnter Kurzhaarfrisur und einem winzigen, witzig neckischen Rucksack mit Teddybär am Reisverschluss: lächerlich. Die Kleider schwungvoll über die Theke geworfen und “zurück das Geld, aber dalli dalli” gekeift und geboxt durch langsam vor sich hin wabernde Mumien, hinaus auf die Straße, da springt es mir ins Gesicht, das Ohr und das Auge des kleinen Mannes. Nein, ich fühlte mich mehr an die an Spinnentiere, an diese dröhnenden Alienmaschienen erinnert, die bei Krieg der Welten durch die Fauna stiefeln und Menschen leer schlabbern um dann ihr Flüßiggut durch ebendiese zertrampelte Landschaft zu spritzen. Denn genau so machen dass diese Fickfrösche, welche sich Expres-Reporter nennen: sie überfallen dich, quetschen verbalen Dreck aus dir heraus und verteilen das Erbrochene über das Land.
Urplötzlich werfen die dir das Mikro unter die Nase, richten die Kamera auf dich, hämisch grinsend, und sich auf den Komplettaussetzer des Gegenübers freuend. Und, was tut ein aufgeklärter, durchaus den Medien gegenüber kritischer, mit Selbstachtung gesegneter und mit wirklich klugen und gewitzten Worten versehener junger Mesch? Er erfüllt jede Erwartung und plappert eine ganze Menge großen Quatsch und schaut dabei recht bescheuert drein.
Auf die Frage, was ich denn davon halte, dass diese trichterförmigen, Ätztrompeten, die nur dazu geschaffen wurden um die WM noch bekloppter zu machen als sie denn schon ist, verboten werden sollen, stammelte ich einen großen Unsinn. Irgendwas mit “nicht gut” oder auch “höre gern laute Musik” und geistreiches wie “heißt doch so wie son Mann dessen Namen ich nicht weiß” wird’s wohl gewesen sein. Genaueres mag ich hier zum Erhalt meiner letzten Restwürde nicht erzählen.
Säße ich vor dem Fernseher und sähe eine solch wirre Gestalt wie mich solch einen Quatsch verzapfen, riet ich der Person in verachtend vulgären Tonfall, alle ihren schlechkopierten EdHardy Plunder zu verkaufen um sich einen gut funktionierenden Revolver zu kaufen, und dem Leid ein Ende zu bereiten. Und genau, schallend lachen würde ich auch.
Ich hoffe inständig, dass der Kamerafrau der um “nen Euro” bettelnde und rückwärts auf den Knien kriechende wirre Mann, vor die Beine kullert und die Kamera beim Zusammenprall auf dem Pflaster zerschellt und in lodernden Flammen aufgeht.

Frei nach diesem Motto ist mir aufgefallen, dass ich mir in letzter Zeit immer wieder anhören musste, dass ich mich zu häufig in diversen Netzwerken rum treibe und meine werten Mitmenschen wohl penetrant mit Statusmeldungen über mein Befinden, was ich gerade gegessen habe, was ich vor habe zu essen oder was ich nie wieder essen werde, zu spamme.

Dies soll nun ein Ende finden. Ich werde alles was mir durch den Kopf geht und als Wortstrahl heraus gebrochen kommt, größtenteils hier her posten und lediglich mit Links um mich werfen bis man sich letztendlich darüber beschwert.

Es wird kein Designerblog, ne, schön wirds sicher nicht. Ich kann nix mit “Medien” und Malen kann ich auch nur auf dem Papier, teure Bildbearbeitungsprogramme habe ich nur zum Angeben und Talent zum Design eher gar nicht. Ich werde darüber schreiben was mich bewegt, manchmal nur Fotos in Netz werfen, seitenlang über Computerspiele reden und mich über den Tag auslassen. Und da ich zu meiner narzisstischen Ader stehe, führe ich kein privates Tagebuch sondern freue mich, jeglichen Stumpfsinn zu teilen.

Auf ein frohes Miteinander!

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